Deutsche Bahn, mehr als nur eine Transport durch Deutschland
Früher war das Bahnfahren eine sehr solide, aber auch sehr langweilige Sache. Da ist Vati mit Mutti und den beiden Kindern zum Bahnhof gegangen, hat sich am Schalter eine Fahrkarte gekauft, hat sich dann in den Zug seiner Wahl gesetzt und ist dann zum gewünschten Ort gefahren worden. Unterwegs wurden die von Mutti gekochten Eier sowie gebratene Fleischbällchen und Limonade getrunken und Bonbons gelutscht und Weingummis zerkaut. Die Großen Menschen steckten ihre Nasen in ein Buch oder eine Zeitung und die kleinen rubbelten mit dem Bleistift Zauberbilder von Hanni und Nanni oder Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg frei. Unterbrochen wurde das Schweigen der Reisenden durch Ansagen wie "nächster Halt Kassel-Wilhelmshöhe" (im Zug) oder "Vorsicht an der Bahnsteigkante" (außerhalb des Zuges). So war das in der geordneten Welt der deutschen Bundesbahn. Alles beige und rot und rotzenlangweiligUnd heute? Hippes Weiß, knalliges Rot, Abenteuer pur!
Der Slogan könnte lauten "Bahn: Mehr erleben" oder "Deutsche Bahn, mehr als nur eine Transport durch Deutschland". Denn was die Bahn heute bietet geht über die Reine Personenüberbringungsdienstleistung hinaus.
Allein der Ticketkauf verlangt gefühlte zechzig unterschiedliche Entscheidungen und schenkt schon durch die Wahl zwischen "Großraum" und "Abteil", "Gang" oder "Fenster", "volle Flexibilität" oder "Zugbindung" das Gefühl ein mündiger Bürger dieses Landes zu sein. Ganz zu Schweigen von der Wahl des Zustellungsweges für die Fahrkarte: Email, Handyticket, Automatenkauf, am Schalter oder Old School per Post. Ganz ausgefallen sind da neuerdings die tiefergelegten Automaten, die einen Kauf in aerodynamisch günstiger Hockhaltung erlauben, so entdeckt am Hauptbahnhof der trendsettenden "Expo- und Messestadt Hannover".
Am Bahnsteig findet der heutige Reisende ein Erlebnisfeuerwerk vor. So konnte jüngst während der Feiertage allerlei Unterhaltendes mitgenommen werden. Vor allem bei den Durchsagen hat die Bahn ordentlich geupgradet. Eine Aussage wie "Vorsicht auf dem Bahnsteig, es hat leicht zu regnen begonnen!" ist da erst der Anfang. Spannend wird es bei "Verehrte Fahrgäste auf Gleis 11, wir möchten sie dringend bitten herrenloses Gepäck nicht unbeaufsichtigt stehen zu lassen!". Da wird schon mal laut gelacht auf dem Bahnsteig. Derartige Hinweise erheitern die Reisenden normalerweise leider nur sehr kurz. Während der Weihnachtsfeiertage hat sich die Bahn aber etwas besonderes Einfallen lassen und verwöhnt die Reisenden aber mit zahlreichen Comedy Zugaben (selbstverständlich ohne Aufpreis), die wiederum mit fabulösen Kommentaren angekündigt werden: "Liebe Fahrgäste, aufgrund von Wetter verspätet sich der ausgefallene IC435 um weitere 15 Minuten". Und wieder gluckst und kichert es aus den Gesichtern der Reisenden. In den Zügen sorgt die deutsche Bahn sowohl durch akustische, optische, kulinarische wie auch haptische Highlights dafür, dass der Gast mit allen Sinnen verwöhnt wird.
So kann es vorkommen, dass der Zug scheinbar ohne Grund auf freier Strecke zum Stehen kommt, was aber nur daran liegt, dass der wehrte Schaffner einen besonders schönen Aussichtspunkt entdeckt hat, von dem er der Meinung ist, dass er zu schade sei, um einfach daran vorbeizurauschen.
Auch die Sympathisanten gehobener Gaumenfreuden kommen bei der Bahn nicht zu kurz. Wo früher ein Mitropa Filterkaffee und ein schnödes Wurstbrötchen im Bordrestaurant reichen mussten, wird heute im Bistro eine Sternecurrywurst mit bayrischer Semmel gereicht und italienischer Latte Matschiaddo (wie der Bahnwirt sagt) mit Bischkoddi geboten und das Ganze, um das Erlebnis komplett zu machen, auch zu Preisen wie der Gast es aus der Haut-Cuisine gewohnt ist.
Die Exitement Experten der Deutschen Bahn haben sich aber noch viel mehr einfallen lassen.
Das gewöhnliche stundenlange Rumgesitze wird zudem durch weitere lustige und durchaus lehrreiche Durchsagen in den Zügen aufgelockert, bei denen auch die internationalen Fahrgäste auf ihre Kosten kommen. Denn welcher sich durch Deutschland saufende Kanadier, der gerade einmal die Wörter "Bier" und "Prost" aussprechen kann, freut sich nicht über Hinweise in seiner Muttersprache, die durch die regionale Färbung des Bordpersonals etwas aufgelockert werden: "Äur next Schttopp, is Berlin. We wish u hat a pläsnt jürnei!".
"Es soll niemand zu kurz irgendwohinkommen" ist das geheime Motto der Bahn und damit auch die deutschen Fahrgäste nichts allein auf der Strecke bleiben werden auch Klatsch und Tratsch über das Bahnpersonal brandheiß weiterverbreitet: "Sehr geehrte Fahrgäste, wir fahren nun weiter! Keiner der Zugbegleiter an Bord dieses Zuges hat ein Telefon."
Zu guter Letzt wird das Gesamterlebnis abgerundet durch das gefühlte Erfahren der Bahn, dass der freundliche Zugbegleiter wie folgt trocken, aber bestimmt ankündigt: "Schönen juten Morjen. Ick wünsche ihnen eene angenehme Reise über de Weihnachtstage. Vorher rücken wa aber alle nochma een bisschen zusammen und nach hinten durch"
Und spontan wird aus der Ellbogengesellschaft, bestehend aus in Konkurrenz zueinander stehenden Individuen, eine wogende Gemeinschaft, die sich gegenseitig wärmt und auch dem größten Wunsch einsamer Seelen nach etwas Körperkontakt diesen durch frottieren am Mitreisenden gewährt. Diese sexuellen Randnotizen werden durch das vorhandene Personal niemals gestört, denn diesem wurde durch Lehrgänge und die zu tragende Uniform jegliches Geschlecht und damit auch jegliche Sexualität entzogen (testen Sie selbst). Die vereinzelten Rufe nach Klagen und die durch die Abteile wogenden Beschwerden stammen dann von Menschen, denen man es nie recht machen kann.
Aber auch sie nehmen etwas mit von ihrer Reise. Denn sind sie erstmal im Kreise der Familie angelangt, dann erinnert sie die Bahn daran, dass es schlimmere Dinge als das gemeinsame Gänse-in-sich-hineinstopfen am ersten Weihnachtstag gibt.
Foto under CC auf Flickr von Johnjones







0 Comments
Leave a Comment